Die Zehn Plagen

"Lucas, der Barkeeper der Brasserie „Chez moi“, spülte mit geübten Bewegungen ein Bierglas, das von der gestrigen Nacht übrig geblieben war. Er sang gedankenversunken einen getragenen Chanson, bevor er zu sich kam und den Kopfhob. Zu seiner Erleichterung war der Gastraum noch leer. Er trällerte laut weiter. „Caresse sur l‘océan, Porte l‘oiseau si léger..“

Der Bariton erfüllte den ganzen Raum, sodass Claude ungewollt in den Genuss der Darbietung kam.

 

„Bonjour,Lucas“, grüßte er nach dem Eintreten.

„Machst du einen auf nostalgisch?“

„Eher auf melancholisch“, gab Lucas zurück und wischte sich mit dem feuchten Handrücken über seine Halbglatze. „Im Herbst habe ich manchmal solche Anwandlungen.“

„Du wirst langsam alt, mein Lieber“, stichelte Claude und legte sich im angrenzenden Flur seine blendend weiße Halbschürze an. Lucas klopfte mit einem Fingerknöchel vehement auf die Theke: „Ich als dein Arbeitgeber verlange ein wenig mehr Respekt!“

„Schon gut, Patron, wird nicht wieder vorkommen.“ Claude grinste und räumte die bereits gespülten Gläser in das Wandregal.

„Wieso ist noch nichts los? Haben die Anduzer Angst vor verseuchtem Wasser?“, wunderte sich Claude. Wie auf ein Stichwort betrat ein älterer Mann mit einer Schlägermütze das Lokal und winkte ihnen zu, bevor er sich auf dem angestammten Platz niederließ und seinen Gehstock an die vertäfelte Wand lehnte. Claude stellte dienstbeflissen eine Kaffeetasse unter den Ausguss des teuren Kaffee-Automaten.

„Da du ja erst im Frühling deinen Arsch hierher bewegt hast, kannst du nicht wissen, dass es im Herbst immer etwas ruhiger zugeht“, erklärte Lucas, ohne das zweideutige Augenzwinkern zu vergessen.

„Lass meinen Arsch aus dem Spiel“, murmelte Claude.

„Aber im Ernst“, fuhr Lucas fort. „Die stehen alle noch hinten auf dem Hof der Gendarmerie und begaffen das Kalb.“

„Als ob die noch nie totes Vieh gesehen hätten“, gab Claude zurück.

„Jedenfalls nicht auf dem Plan de Brie.“

„Da hast du Recht.“

 

  

 

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